Der Husarenpfarrer

Unter den Pfarrherren Hessens hat wohl keiner einen seltsameren Bildungsgang gehabt als der Husarenpfarrer Brandau von Harmuthsachsen. Brandau hatte zwar studiert, irgendwie war er dann unter die 40 Husaren der kurprinzlichen Leibgarde geraten, war 1813 mit in den Freiheitskriegen nach Frankreich geritten und hatte nach endlich vollendetem Studium auf „Allerhöchstes Reskript“ die Pfarrstelle in Harmuthsachsen erhalten.

Vom Predigtmachen war der gute Brandau freilich kein Freund. Er hatte einen eisernen Bestand von ganzen dreizehn Stück. Die konnte er auswendig – und seine Gemeinde bald auch; denn die kamen immer reihum dran. Von den Husaren her war ihm eine Vorliebe für scharfe Schnäpse geblieben, besonders beim Kartenspiel wußte er die harten Sachen hinter die Binde zu gießen.Er stammte gebürtig aus Waldkappel, wo sein Vater als Rektor die Waldkappeler Kinder unterrichtete. Mit seinen Eltern wohnte er im Goldenen Adler.

Lorenz Brandau – der „Husarenpfarrer“

An einem Buß- und Bettag hatte der alte Brandau einmal in Laudenbach zu vertreten. Nach dem weiten Weg über den Meißner, der schon tüchtig im Schnee steckte, fühlte der Husarenpfarrer das Bedürfnis, sich erst einmal ordentlich aufzutauen. So ging’s zunächst ins Wirtshaus, wo er gute Gesellschaft traf und sich einige große und kleine Schnäpse einverleibte. Es war ihm gar nicht lieb aufzubrechen; aber es fing schon an „zusammenzuläuten“. Der Anstieg zum Kirchlein oben im Dorf fiel ihm sauer, denn der Schnaps war ihm höllisch in die alten Knochen gefahren.. Wovon sollte er nun predigen am heutigen Bußtage? Nun, er wollte den Ludenbächern schon mit ihren Sünden einheizen! Von allen Teufeln wollte er heute den Schnapsteufel besonders scharf aufs Korn nehmen.

Indessen war der Schornsteinfeger im Dorf gewesen, der just am Vormittage die Schornsteine gekehrt hatte und nun auch noch ein Geringes von der Predigt erlauschen wollte. In das Gotteshaus traute er sich aber nicht hinein, denn er hatte ja kein festliches Gewand an, ja, sich noch nicht mal gewaschen. Also steckte er bloß ein wenig den Kopf durch die Kirchentür, grad als Hochwürden auf der Kanzel donnerte: „Und der ärgste aller Teufel, der Vater aller Todsünden, wie Sauferei, Rauferei, Hurerei – ich will ihn euch weisen: das ist der Schnapsteufel!“ Sein ausgestreckter Arm wies just nach der Kirchentür und dort – der wackere Husarenpfarrer, der den Feldzug mitgemacht, erstarrte. Denn dort guckte ja der Leibhaftige, kohlschwarz und zähnebleckend, durch den Spalt der Kirchenpforte.

Es schwindelte dem alten Mann auf der Kanzel, so war er in tiefster Seele erschrocken. Dann aber raffte er sich auf und rief kläglich: „Es war doch nit so bös gemeint! Wirst doch Spaß verstehn!“

Entnommen dem Kurhessischen Anekdotenbuch „Der Schelm im Volk“ von Heinrich Ruppel und Adolf Häger. Das Buch ist erschienen im Bärenreiter-Verlag zu Kassel (etwa 1934). Hinter dem Buchstaben H verbirgt sich vermutlich Eisenbahnwagenmeister Wilhelm Häger aus Spangenberg.


Entdeckt und überarbeitet von Helmut Hartung, 34246 Vellmar

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