Die Rechtebächer und ihre Kirchenkasse

Man schrieb das Jahr 1857. Noch waren in Waldkappel die Spuren des Großen Brandes nicht ganz verschwunden, manch angekohlter Balken erinnerte an die Schreckensnacht im Oktober 1854.

In dieser Notzeit hatte auch der alte Metropolitan Carl Jacob F. H a r t w i g Mühe, die Seinen zu ernähren und den vielen hilflosen Pfarrkindern zur Seite zu stehen. Mißernten der letzten Jahre hatten die Not nur noch vergrößert. Als Inhaber der Waldkappeler Pfarrstelle hatte der fromme Gottesmann neben dem Filialdorf Friemen auch das Filialdorf Rechtebach seelsorgerisch zu betreuen. Rechtebach war zur damaligen Zeit ein Dörfchen von 140 Seelen, die sich mit Ackerbau beschäftigten und manchen Spazierstock unter ihren geschickten Händen entstehen ließen. Nicht nur die Haltbarkeit dieser Stöcke soll hervorragend gewesen sein, sondern auch ihr niedriger Preis soll das Staunen der Käufer hervorgerufen haben. Die boshafte Behauptung der Kappeläner, daß dieser Preis durch die kostenlose Beschaffung des Holzes aus den umliegenden Waldungen zustande kam, entbehrt sicherlich jeder Grundlage. Rechtebach war auch in anderer Hinsicht berühmt. Dort befand sich das große „Dindenfaß“ (Tintenfass), ein tiefer, ausgemauerter Brunnen, der als Mittelpunkt der Erde galt. Man brauchte nur den einen Schenkel eines Riesenzirkels in das „Dindenfaß“ zu stellen, und konnte dann mit dem anderen Schenkel, vorausgesetzt, daß er die nötige Länge besaß, die ganze Erde umkreisen. Auch die Kalenderherstellung soll in alter Zeit in Rechtebach zuhause gewesen sein.

Kirchenkasse

Die alte Kirche in Rechtebach mit ihren 130 Sitzplätzen stellte hohe Anforderungen an den Kirchenbesucher, besaß sie doch, wenigstens in jenen alten Zeiten, keine Heizvorrichtung. In kalten Wintern setzte dieser Mangel den Predigern besonders fühlbar zu, wogegen es die Gemeindemitglieder es in der Hand hatten, sich der Wirkung der Kälte durch Abwesenheit zu entziehen. Ein weiterer Notstand, der dem Inhaber der Waldkappeler Pfarrstelle große Sorge bereitete, war: Rechtebach besaß keine eigene Kirchenkasse (Kirchenkasten). Das hört sich leicht an, bereitete aber dem Metropolitan eine Fülle von Vertrießlichkeiten. Auch in einem bescheidenen Kirchenwesen wie in Rechtebach gab es allerhand Ausgaben, die nur durch eine Kirchenkasse bestritten werden konnten. Kirchensteuern oder Kirchgeld kannte man dazumal nicht einmal dem Namen nach und die politische Gemeinde war nicht immer geneigt einzuspringen.

Der Versuch des Pfarrers, die Ausgaben für Rechtebach aus der Waldkappeler Kirchenkasse zu bestreiten, scheiterte zumeist am Einspruch des Rektors Peter W e p l e r, des gewissenhaften Kassenverwalters. So geschah nichts und etliche Jahre verstrichen bis sich der alte Pfarrherr aus Alters- und Krankheitsgründen zurückzog. Er hatte sich nicht pensionieren lassen – sowas gab es damals überhaupt nicht – sondern einen Gehilfen genommen, der neben den pfarramtlichen Geschäften seines Herrn auch dessen Gegensatz zum Rektor gleich mitübernommen und eifrig gepflegt hat.. Da der Gehilfe mit Vornamen Paul, der Rektor aber Peter hieß, so sprach man im Städtchen nicht zu Unrecht von der „Paulinischen“ und der „Petrinischen“ Theologie.

Dem armen Gehilfen wurde nun die Last der fehlenden Rechtebächer Kirchenkasse aufgeladen. Was lag näher, als durch Einbehaltung der sonntäglichen Kollekte den Grundstock für die Rechtebächer Kirchenkasse zu gewinnen. Verschmitzt lächelnd erteilte der alte Pfarrer seinem Gehilfen den Auftrag, die Angelegenheit mit den Rechtebächern ins Reine zu bringen. Nach 14 Tagen versammelten sich dann auch die Rechtebächer Vertreter der Kirchengemeinde im Schulhaus, um den Antrag des Herrn „Meddelpoltan“ entgegen zu nehmen. Zunächst schien es, als ob der Vorschlag einmütig angenommen würde. Einige nickten, und hier und da ließ sich sogar ein schüchternes „ja“ vernehmen. Aber man tuschelte auch untereinander. Als zur Abstimmung geschritten werden sollte, machte ein Mitglied seine Bedenken mit den Worten geltend: „Awwer de armen Liede“, und damit war das Signal zum offenen Widerstand gegen die geplante Neuerung gegeben. Die Armen hatten bisher das sonntägliche Opfer erhalten. Reich waren sie dadurch nicht geworden, ihnen aber diese Quelle der Erquickung zu nehmen, glaubten die Mitglieder des Kirchenvorstandes nicht verantworten zu können. Der Herr „Kannedad“ war mit seinem Antrag durchgefallen und stand da mit dem Gefühl der tiefsten Beschämung, daß er, dem von Berufs wegen die Armen besonders ans Herz gewachsen sein sollten, sie hatte berauben wollen. Gehobenen Hauptes aber gingen die Rechtebächer nach Hause, s i e hatten sich der Armen pflichtgemäß erbarmt und den „Raub“ der Almosen verhindert und dazu noch das Vergnügen genossen, den Plan des Herrn „Meddelpolitan“ vereitelt zu haben. So gut hatten sie lange nicht geschlafen, wie nach dieser Sitzung: denn ein gutes Gewissen ist bekanntlich ein sanftes Ruhekissen.

Aber der alte Pfarrherr im Lehnstuhl gab nicht auf. „Wo ein Wille ist, gibt’s auch ein Weg“, sagt das Sprichwort. Obwohl trotz des besten Willens hier der Weg schwierig zu finden war, kam die Erleuchtung nach einer durchsorgten Nacht. Freudig wurde dem Kandidaten die neueste Lösung eröffnet. Sie schien allen Interessen gerecht zu werden. Damit nämlich die Armen nach wie vor zu ihrem Recht kämen, sollte der durchschnittliche Betrag der Kollekte ihnen nach wie vor zukommen, der Überschuß aber sollte zur Bildung einer Kirchenkasse verwendet werden.

Zunächst war es freilich für den Gehilfen keine leichte Aufgabe, aus den Kirchenrechnungen der letzten 30 Jahre den Durchschnittsbetrag des Sonntagsopfers festzustellen. Schon am nächsten Sonntag konnte er den Vertretern der Rechtebächer Kirchengemeinde den Plan des Metropolitans und den errechneten Durchschnittsbetrag der Kollekte, der genau 12 Heller betrug, mitteilen. Da den Armen nichts genommen wurde, ging der Antrag diesmal durch und die Zukunft der Rechtebächer Kirchenkasse schien gesichert – wenn die Rechtebächer eben nicht Rechtebächer gewesen wären.

Kaum waren die Rockschöße des Kandidaten auf dem Weg nach Waldkappel verschwunden, so fand eine zwei Sitzung in Rechtebach statt, diesmal nicht in der Schule, sondern im Wirtshaus, zu der sich ziemlich alle männlichen Einwohner ungeladen eingefunden hatten. Groß war der Verdruß, daß der Kappeläner Pfarrer nun doch seinen Plan durchgesetzt hatte und allgemein der Wille, den Plan dennoch zu vereiteln. Schneller als der „Meddelpoltan“ kam man zu einem Ergebnis.

Schon der nächste Sonntag sollte dies erweisen. Wie immer ging der Lehrer nach der ersten Strophe des Hauptliedes an der Reihe der Kirchenbesucher mit dem Klingelbeutel entlang, und wie immer schüttete er nach beendetem Gottesdienst den Beutel auf dem Altar aus, damit der Inhalt gezählt und dem Kastenmeister zur Aufbewahrung übergeben werde. Etwas gespannter als sonst blickte diesmal der Kandidat auf das winzige Häuflein Heller, begierig zu erfahren, wieviel wohl heute nach Abzug der zwölf „Armenheller“ für die Kirchenkasse übrigblieben. Seine Hoffnung betrog ihn, das Opfer betrug genau 12 Heller. Das konnte ja nur ein Zufall sein.Als aber am nächsten und übernächsten Sonntag jeweils auch nur 12 Heller und manchmal noch weniger einkamen, regte sich bei ihm Verdacht. Bei der großen Zahl der Teilnehmer an der denkwürdigen Wirtshaussitzung war es nicht allzuschwer hinter das Geheimnis zu kommen: Man hatte sich geeinigt, daß immer nur die zwölf Kirchenbesucher in den beiden vorderen Bänken ihren Obolus in Gestalt eines Hellers entrichten, die übrigen dagegen nicken sollten, was in der landläufigen Zeichensprache soviel hieß wie: „Geh‘ weiter, ich gebe nichts“.

So war der Plan des Pfarrers wieder einmal gescheitert. Rechtebach blieb ohne Kirchenkasse. Vielleicht hat ein anderer später den Weg zu den Herzen und damit auch zu den Geldbeuteln der Rechtebächer besser zu finden gewußt als jener alte „Meddelpoltan“ und sein Gehilfe.


Diese, von Helmut Hartung, 34246 Vellmar-West, neu bearbeitete Geschichte wurde dem Hessischen Volkskalender von 1931 entnommen. Der Name des Verfassers konnte nicht festgestellt werden. 12/1976

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