Erinnerungen an Weihnachten 1938

Je älter man wird, desto mehr ist man mit der Entwicklung auf unserer schönen Erde unzufrieden. Wie ist z.B. das Weihnachtsfest inhaltsleer geworden. Kaum noch ein Kind kennt noch den Anlaß des Festes. Alle sind wie hypnotisiert und starren auf die Auslagen in den Schaufenstern und füllen die Wunschzettel mit großen Erwartungen aus. Da wird’s manchen Eltern angst und bange.

Da lobe ich mir die alte Zeit, wo wir vom Hinsehen schon satt und zufrieden wurden und der Werbung nicht bedurften. Wir kannten es nicht anders. Große Wünsche gingen sowieso nicht in Erfüllung.

Die ersten und letzten Weihnachtseinkäufe für uns Jungen tätigte unsere gute Mutter erst am Heiligen Abend bei März. Zu dieser Zeit dämmerte es bereits und die ersten Kappeläner machten sich für den Kirchgang fertig.

Immer wieder gehen in dieser Vorweihnachtszeit meine Gedanken in die Zeit meiner Kindheit zurück. Das eigentliche Fest begann obligatorisch mit dem Kirchgang. Wir waren in dicke Mäntel gehüllt, denn der große Raum des Kirchenschiffes war nur spärlich warm. Endlich brannten die Kerzen an der großen Tanne neben dem Altar und Käsen Henner war eifrig bemüht, auch die letzte Kerze noch anzustecken. In der rappelvollen Kirche saßen wir Kinder erwartungsvoll auf einer langen Bank vor der Orgel. In der Sakristei zogen sich die „Künstler“, die das Krippenspiel zu bringen hatten, bereits um und die großen Mädchen aus Böpels Klasse bildeten vor Eröffnung des Gottesdienstes einen Halbkreis vor dem Altar. Sie waren in ihren langen weißen Nachthemden schön anzusehen, zumal einige sich auf dem Rücken Pappflügel angeheftet hatten. Während sie ihr erstes Lied: „Süßer die Glocken nie klingen….“ sangen, verwandelten sie sich augenblicklich in die himmlischen Heerscharen und wurden in unseren kindlichen Augen zu Engeln des Herrn.

Jetzt kam die Attraktion, das eigentliche Krippenspiel, das von Giesela Bürmann und Herbert Marschallek (im Jahre 1938) in Szene gesetzt wurde. Herbert ähnelte in seiner ärmlichen Kluft und seiner undeutlichen Sprechweise (worr) mehr einem Räuber als dem heiligen Josef. Warum auch nicht, er kam ja schließlich aus dem Morgenlande, wo jeder zweite sowieso ein Räuber sein soll. An Giesela mit ihrem madonnenhaften Gesicht war nichts auszusetzen. Sie beherrschte ihre Rolle souverän. Das Spiel lief wie geschmiert und die Hirten auf dem Felde lärmten und machten ihre Sache gut. Mit Stecken und Schäferschippchen konnten sie eben gut umgehen und zu sagen hatten sie sowieso kaum etwas.

In Erwartung der Geschenke rutschten wir auf den Bänken bald unruhig hin und her und waren zu guterletzt froh, daß das Spiel zu Ende war und Pfarrer Ferreau seinen himmlischen Segen erteilte. Jetzt konnten wir endlich nachhause stürmen und uns auf die Geschenke stürzen. Die Eltern erwarteten uns – denn schließlich wollten sie ihre Plagen wenigstens am Heiligabend um sich haben. Der Duft einer guten Zigarre ließ einen gutgelaunten Vadder erwarten. Die Mutter war meist noch nicht zu sehen. Endlich hatte sie den letzten Kunden aus dem Laden gescheucht und war dabei, sich umziehen. Es duftete im ganzen Haus nach Honigkuchen und guter Seife. Wir platzten fast vor Spannung !

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