Fuhrmann Caspar Henrich Kellner

Fuhrleute und deren Begleiter, Geleitsmänner genannt, aus Waldkappel waren im 17.und 18.Jahrhundert auf den Straßen Hessens und des angrenzenden „Auslands“ überall anzutreffen. Sie waren unterwegs für Handelshäuser und Fürsten und hatten auf ihren langen Fahrten mit ihren Pferden und Wagen nicht nur manch Ungemach, sondern auch manch abenteuerliches Erlebnis, bei dem die Liebe keine geringe Rolle spielte.

Es war ein harter Menschenschlag mit vom Wind und Wetter gegerbtem Gesicht, den jedoch eine Treue zu ihrer Heimatstadt auszeichnete. Oft machten diese rauhen Gesellen mehr als hundert Meilen Umweg, um auf ihrer langen Reise Waldkappel passieren zu können. Im Wirtshaus zu Hause waren sie dann König, wussten Neues von der großen Welt zu erzählen und gaben ihre Paradestücke zum Besten.

So kam auch der alte Caspar Henrich Kellner nach langer Fahrt zurück. Fast 50 Jahre war er unterwegs gewesen und kannte nahezu alle Straßen und die dazugehörigen Wirtshäuser zwischen Amsterdam und Leipzig. Diesmal zog’s ihn nicht ins altvertraute Wirtshaus am Kirchplatz. Ihm war’s hundsmiserabel zu Mute, er kränkelte und kam zum Sterben. Noch rechtzeitig traf der gestrenge Pfarrherr ein, um ihm bei seinem letzten Stündlein beizustehen und ihn von seiner Sündenlast zu befreien. Unser alte Fuhrmann schwieg hartnäckig auf alle Fragen des Kirchenmannes. Entweder hatte er sein Gedächtnis verloren oder er war gänzlich verstockt. Der geistliche Herr nahm aus Erfahrung das letztere an und glaubte mit List den Sterbenden auf die Sprünge zu helfen. Er fragte ganz leutselig: Na, mein lieber Kellner, wie war’s denn, wenn ihr Fuhrleute abends in die Herberge kamt? Waren da nicht hübsche Mägde, die euch verwöhnten? War da nicht die stramme Lisbeth, die rotwangige Sophie oder die blutjunge Kathrin? Musstet ihr kalt ins Bett oder hatten die Mädchen eure Betten schon vorgewärmt? Unser guter Caspar Henrich richtete sich im Bett etwas auf, tat verwundert und raffte sich trotz seiner Schwäche zur Gegenfrage auf: Jo, Herr Pfarr, sidd de dann au moh Fuhrmann gewähn?.

Ein Fuhrmann

Ehe der verblüffte Pfarrherr auf diese Frage eine Antwort gefunden hatte, drehte sich der alte Fuhrmann zur Seite, tat einen tiefen Schnaufer und trat seine letzte Reise ohne Wiederkehr an.

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