Not lehrt Beten

April 1945. Über 50 Jahre sind seither ins Land gegangen. Inzwischen wuchs eine neue Generation in unserem Heimatstädtchen heran. Für uns, die Älteren,bleibt die Erinnerung an jene Zeit weiterhin lebendig, eine schmerzliche Erinnerung zwar, aber es gab auch Begebenheiten, an die man heute noch mit Rührung und Schmunzeln zurückdenkt.

So auch an folgendes Erlebnis jener ereignisreichen Tage kurz vor Kriegsende: Walter und Henner H., zwei Lausejungen aus Waldkappel, 6 und 14 Jahre alt, strolchten, wie es Kinder nun mal gerne tun, außerhalb des Städtchens umher. Die Welt war noch neu und der Krieg belastete noch nicht ihre Sinne. Man dachte ans Hüttebauen und an Feuerwehrspiele, Tätigkeiten, die noch vor den Schularbeiten rangierten. Das alles war schnell vergessen, als plötzlich feindliche Flugzeuge im Tiefflug über sie hinwegbrausten. Wer dies damals erlebt hat weiß, daß nicht nur der ohrenbedäubende Lärm jedem Angst und Schrecken einjagte, sondern daß Tiefflieger oftmals mit ihren Bordwaffen alles unter Beschuß nahmen, was sich auf der Erde bewegte. Das wußte auch schon der ältere der beiden Jungen. Aber auch der jüngere fühlte durch die Fassungslosigkeit des Bruders die drohende Gefahr. So liefen sie in panischer Angst los, suchten Schutz, indem sie sich zitternd und aneinandergeschmiegt in einen trockenen Graben legten. “ Bet Henner, bet !“ schrie der Große in der Hoffnung, damit die ärgste Gefahr abzuwenden. Da der kleine Bruder, noch ganz irritiert von der Unsicherheit des sonst so selbstsicheren großen Bruders, nicht sofort mit dem Beten anfing, handelte er sich blitzschnell eine saftige Ohrfeige zur Gedächtnisauffrischung ein. Nun tat er es auf seine Weise wie täglich daheim, wohl im Gefühl, daß ein Gebet in dieser Situation wirklich was Gutes sei und ohne Wissen um den Sinn der Worte, die er kindlich stammelte: „Komm Herr Jesus, sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast . Amen !“

Ob das Gebet geholfen hat, weiß niemand recht zu sagen. Auf alle Fälle sind beide wohlbehalten wieder zu Hause angelangt und erfreuen sich noch heute ihres Lebens.


Verfasst von Helmut Hartung, 34246 Vellmar-West 10/99

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