Sommervergnügen der Waldkappeler Jungen

Je älter man wird, desto öfter erinnert man sich der so fern liegenden Kindheitserlebnisse, die sich fest eingeprägt haben. Man war unbeschwert und hatte das Leben noch vor sich. Unsere kleine Welt war neu und heil. So auch die kirchlichen Feste, die uns sehr beeindruckten und auch wegen des leckeren Essens hoch willkommen waren. Das größte Ereignis im Jahre waren aber die Schulferien. Endlich war man frei von (fast) allen Zwängen und konnte tun und lassen was man wollte.

Auf ferne Länder war man noch nicht neugierig. Bestenfalls fuhr man zu Verwandten z.B. nach Kassel oder Göttingen und blieb dort zwei oder mehrere Wochen. Dort lernten man das Leben in der Großstadt kennen. Nicht mehr durch den Schrei des Hahns, sondern durch das Klingeln der Straßenbahn wurden wir hier geweckt und beim Brötchenholen sah man statt Kuh- und Pferdegespanne den Sprengwagen durch die Straßen fahren. Alles war interessant für uns Kinder. Viel Geld hatten wir nicht in der Tasche. Mit einigen Markstücken war die ganze Zeit über auszukommen. Ein Fischbrötchen auf dem „Zissel“ war für uns der Höhepunkt der kulinarischen Genüsse. Es kostete damals nur 30 Pfennige und war riesengroß.

Die großen Ferien versprachen nicht nur Nichtstun und herumladdern, sie dienten in früheren Zeiten in erster Linie dazu, die Kinder bei der Einbringung der Ernte einzusetzen. Hier denke ich nicht an große bäuerliche Betriebe, sondern an die kleinen Handwerker und Geschäftsleute, die neben ihrer beruflichen Tätigkeit meist eine kleine Landwirtschaft betrieben und auch einen größeren Garten zu bewirtschafteten hatten. Die Familie mußte ja satt werden, wozu der Erlös aus dem Handel oder Handwerksbetrieb meistens nicht ausreichte. Da gab es überall Arbeit in Hülle und Fülle und jede Hand wurde gebraucht, auch wenn sie noch so klein war. Dieser Verpflichtung konnten wir Kinder uns nicht entziehen. Wir dachten gar nicht daran, dagegen zu rebellieren. Es war selbstverständlich, daß erst die Arbeit kam und dann das Vergnügen. Leider war in der Landwirtschaft kaum etwas mechanisiert – alles mußte mit der Körperkraft und Geschicklichkeit erledigt werden. So richtig los ging es mit dem Heumachen und mit dem Krautsetzen. Beim Heumachen war unsere Arbeitsgebiet der Heuboden, dort wo das duftende Viehfutter gelagert werden mußte. Wir hatten das Heu zu „banzen“, also mit den Füßen zusammenzutreten. Eine höllische Arbeit, denn es war nicht nur sehr heiß auf dem Heuboden, sondern der Staub und die stickige Luft machten uns gewaltig zu schaffen. Erst wenn man unter dem Dach angelangt war, konnte man sich durch das Anheben einer Ziegel etwas Luft verschaffen. Mit Sehnsucht erwarteten wir Kinder das Ende dieser Arbeit. Eine weitere unangenehme Arbeit war für uns Kinder beim Kornschneiden das sogenannte Wedenmachen; die Weden wurden zum Binden der Getreidegarben benötigt. Dieses Bindematerial bestand aus einer handvoll Getreidehalme, die unterhalb der Ähren zu drehen und dann zu teilen waren. Es war eine eintönige Arbeit, die durch Disteln ganz erheblich erschwert wurde. Schon nach kurzer Zeit war man unter dem Arm schon ganz wund und man beneidete alle Kinder, die nicht auf den Feldern mitarbeiten mußten und sich zwischenzeitlich im Waldkappeler Schwimmbad tummelten. Die Sonne brannte und der Tag auf dem Feld wollte kein Ende nehmen.

Auch ungern denke ich an’s Kartoffelausmachen. Wieder war die Anwesenheit der Kinder gefragt. Hier waren die Stengel abzuklopfen und auf einen Haufen zusammenzutragen. Eine Arbeit, die nicht enden wollte und durch Disteln und Unkraut sehr erschwert wurde.

Irgendwann war aber auch diese Arbeit getan und wir Kinder konnten aufatmen und unseren Interessen nachgehen. Eine verlockende Beschäftigung war das Pflücken wilder Kirschen in der Spangenberger Höhle oder sonstwo am Waldesrand. Die besten Früchte waren, wie immer,ganz oben im Baum und es gehörte schon eine ganze Portion Geschicklichkeit dazu, bis in die Spitze des Baumes zu gelangen.
Beim Pflücken und Sammeln wurde natürlich fleißig gegessen und die Kirschkern im hohen Bogen ausgespuckt. Dabei konnte es schon einmal passieren, daß ein Stein sich in das Töpfchen des unten operierenden Kirschenpflückers verirrte. Hatten die Kirschen ausreichende Größe, konnte es vorkommen, daß Mutter diese eingesammelte Kirschen für einen Obstkuchen verwendete. Wir nannten ihn dann „Spuckekuchen“, weil er wegen der vielen zu entfernenden Steine ganz vorsichtig gegessen werden mußte – auch war die Gefahr groß, einen Zahn zu beschädigen oder wie Mutter immer befürchtete, eine Plombe zu verlieren.

Das Schwimmbad gehörte zu den größten Sommervergnügen. Wer konnte, suchte das Bad schon am Morgen auf. Es war wirklich ein schönes Fleckchen Erde, das Waldkappeler vorzuweisen hatte. Solange kein Freischwimmerzeugnis vorlag, durfte nur das etwas tiefer liegende Becken für Kinder benutzt werden. Für Kleinkinder war durch ein Lattengerüst sogar eine Extraabteilung eingerichtet worden, die den Kleinen die Angst vor dem Wasser nehmen sollte. Dieses untere Becken hatte als Attraktion eine Rutsche, die mit Blech beschlagen war und im Sommer manchmal glühend heiß wurde. Risse im Blech sorgten für kaputte Badehosen und auch manche Schramme am Hintern. Aus Kostengründen konnte kein richtiger Bademeister angestellt werden. Die Aufsicht wurde von Rentnern ausgeübt, die selbst nicht Schwimmen und auch im Ernstfall niemanden hätten retten können. Sie verkauften Eintrittskarten ( 20 Pfg. für den ganzen Tag ), Selterswasser und Sprudel mit Geschmack. Außerdem stellten sie die Wasser- und Lufttemperatur fest. Beides schrieben sie mit krakeliger Handschrift auf Schiefertafeln und hängten diese am Eingang auf.
Meist lagen sie mit den Badegästen im Streit, weil diese nicht den wichtigtuerischen Anordnungen Folge leisten wollten. Ein besonderes Original war „Bademeister“ Schade, der zu allem Überfluß auch noch eine kaum verständliche Aussprache hatte. Er nuschelte ständig vor sich hin. Er hatte die Zellenschlüssel in Verwahrung und ließ oft die Neuankömmlinge eine Viertelstunde warten, ehe er einen Schlüssel rausrückte. Ein weiterer „Bademeister“ war ein Herr Schellhase („Wissköbbchen“) , der wohl zugänglicher, aber auch keine Fachmann war. Das Wasser hatte durch das sogenannte Vorwärmebecken angenehme Badetemperaturen. Wir konnten uns deshalb sehr lange im Wasser aufhalten, bis es uns doch zu kalt wurde und wir schnatternd die Liegewiese aufsuchten.

Hier hielten wir es mit nasser Badehose natürlich nicht lange aus. Wir verließen nach wenigen Minuten die Holzpritschen und liefen bis zum Anfang des Vorwärmebeckens. Dort, wo der Rechtebach in das Becken floß, legten wir Jungens uns in den Schlamm, der leicht mit warmen Wasser bedeckt war. Kamen wir hervorgekrochen, waren wir überall mit Schlamm bedeckt, sahen furchterregend aus und ließen den Schlamm langsam am Körper trocknen. Mit unserem Aussehen haben wir manchen Spaziergänger erschreckt.

Es war wieder ein schönes Gefühl, wenn der Schmutz sich durch die Wärme der Haut so langsam löste und in Stücken abfiel. Ein weiteres Vergnügen wartete auf uns Lausejungen. Am Rand des Schlammbeckens standen zu meiner Zeit halbhohe Birken, die wir aus lauter Übermut erkletterten und ins Schwanken brachten. . Durch unser Körpergewicht neigten sich die Stämmchen ganz langsam und berührten die Wasser- bzw. Schlammfläche. Dabei brach auch schon einmal so ein kleines Bäumchen ab, was uns veranlaßte, schleunigst reißaus zu nehmen. Auch „Musik“ war im Badebereich zu hören, denn gegen Abend setzte regelmäßig ein Froschkonzert ein, was an Lautstärke nicht zu übertrumpfen war. Die Frösche konnten sich ungestört im grasbewachsenen Uferbereich aufhalten, es fehlte aus Kostengründen eine Uferbefestigung aus Beton.
Das störte uns Kinder natürlich nicht – und die Liebespaare, die sich zur später Stunde einfanden, schon gar nicht.

An besonders heißen Sommertagen lockte uns das Wasser der Wehre. Meistens hielten wir uns unter der großen Eisenbahnbrücke auf, weil dort der Flußgrund befestigt war und es sich herrlich im Wasser planschen ließ. Die große Eisenbahnbrücke war in unseren Augen ein gewaltiges Bauwerk, das uns immer etwas Furcht einflößte. Es war schon eine Mutprobe (und außerdem verboten), in schwindelnder Höhe die Brücke zu überqueren und über die Brüstung zu schauen. Besonders geheimnisvoll war der im mittleren Bogen eingesetzte Schlußstein mit einem eingemeißelten Menschengesicht. Mein Großvater, der als junger Mensch beim Bau der Kanonenbahn mitgearbeitet hatte, wußte zu berichten, daß ein junger Italiener beim Bau der Brücke aus große Höhe abgestürzt und dabei zu Tod gekommen war. Einige Meter von unserem „Privatbad“ entfernt, befand sich eine schmale Fußgängerbrücke, die regelmäßig bei Hochwasser weggerissen wurde. Man konnte gut auf diesem Brückchen sitzen und die Füße im Wasser baumeln lassen. Die starke Fließgeschwindigkeit des recht kalten Wassers war ein Ereignis für die Sinne und Füße. Paßte man nicht auf, riß die Strömung einem die Füße weg und man landete schlimmstenfalls unsanft auf dem Bauch im Wasser. Durch Auftürmen von Steinen und Holz ließ sich der Wasserspiegel erheblich erhöhen, so daß man sogar einige Schwimmbewegungen machen konnte. Etwas weiter unten war gegenüber der Bleiche das sogenannte Pferdebad, eine tiefe Stelle im Fluß. Auch hier hielten wir Kinder uns in der warmen Sommerzeit auf und genossen die kostenlose Erfrischung.

Meist waren wir gerade an dieser Stelle zu Gange, weil Mutters Wäsche zum Bleichen ausgelegt war und mit der Gießkanne begossen (geleckt) werden mußte. Das war so oft zu wiederholen, daß sich das nachhausegehen nicht lohnte. Also schwupps wieder ins Wasser bis zum nächsten Gang zur Gießkanne.

Diese Vergnügungen im feuchten Element waren nur etwas für heiße Tage. Bei Regenwetter mußte uns schon etwas anderes einfallen. Hier standen die Spiele in Haus und Scheune im Vordergrund. War das Heu und Getreide eingebracht, ließen sich in der bis unter das Dach gefüllten Scheune herrliche Höhlen bauen, die durch Quergänge miteinander verbunden waren. Es war schon ein bißchen unheimlich, sich bei völliger Dunkelheit zurechtzufinden. Der Einstieg ging meistens von oben aus, so daß wir blitzschnell verschwinden konnten, wenn jemand nach uns suchte, um uns vielleicht mit einem Auftrag vom Spielen abzuhalten. Wir waren dann muksmäuschen still und warteten ab, bis sich der „Besuch“ wieder entfernte

Ein feines Spiel war auch das Kramen auf dem obersten Dachboden. Da früher in den seltensten Fälle etwas weggeworfen wurde, kamen alle ausrangierten Sachen auf den Dachboden. Was war da alles in Schränken, Truhen und Kartons zu entdecken. Hüte, die längst aus der Mode waren, Omas Brautkränzchen in einem Glasrahmen, vorsintflutliche Schneeschuhe, leicht lädierte Töpfe und Pfannen, Maskenballkostüme und Gesichtsmasken. Aber auch noch geheimnisvollere Sachen, wie z.B. Bündel von Liebesbriefen oder auch Trauerkarten oder -briefe, die an den Tod im Hause erinnerten. Am interessantesten war ein uralter Webstuhl, der nach Auskunft des Großvaters von seinem Großvater zur Herstellung von Leinenstoffe benutzt wurde. Im vorigen Jahrhundert waren dem Erzählen nach, viele im Ort, die sich ihren Lebensunterhalt durch weben verdienten.
Da brachten wir schon einmal einen Nachmittag zu, um alles gebührend zu bewundern und hier und da ein Stück in der Tasche verschwinden zu lassen. Es war nämlich auch Spielsachen dabei, die vor Jahrzehnten auf den Boden gelangten und in Vergessenheit geraten waren. Auch mit altem Spielzeug ließ es sich vortrefflich spielen.

Viel Zeit verbrachten wir damit, den ortsansässigen Handwerkern beim Arbeiten zuzuschauen. Bevorzugt wurden Schuster, Schneider, Stellmacher, Schmied und Schreiner. Interessant war aber auch ein Blick in die Backstube oder der Gang durch eine Mühle. So habe ich stundenlang in der Schmiede von Rehbein gestanden und beim Beschlagen der Pferde zugeschaut. Noch heute habe ich den scharfen Geruch des verbrannten Horns in der Nase, denn die heißen Hufeisen mußten vor der endgültigen Befestigung dem Huf kurz angepaßt bzw. eingebrannt werden. Es dampfte und zischte und weißer Qualm war zu sehen. Waren die Pferde sehr unruhig, mußten kräftige Männer den Gaul halten und ihn beruhigen. Auch wir Kinder mußten immer wieder zurückgedrängt werden, damit kein Malheur passieren konnte. Ein Schauspiel besonderer Güte war das Aufziehen eines Eisenreifens auf ein Holzrad. Dazu gehörte viel können und eine schnelle Hand.

Als Letztes möchte ich bei meinem Spaziergang durch das Land der Jugend das sogenannte Hüttebauen . Heute kann ich gar nicht mehr begreifen, was uns veranlaßte, solch eine schwere Arbeit auszuführen. Meisten bauten wir in der verlängerten Todenhofshöhle am steilen Hang unmittelbar am Friedhof gelegen.
Erde wurde ausgehoben und Bäume gefällt, um Baumaterial für die Hütte zu gewinnen. Auch manch Gegenstand aus dem häuslichen Bereich wurde herangeschleppt und eingebaut, denn alte Tische und Stühle dienten als Mobiliar. Sogar Fenster und Türen haben wir eingesetzt und einen kleinen Ofen aufgestellt. Schön war es erst, wenn der Schornstein qualmte und meist auch die Hütte voller Rauch war. Wir hatten viel Spaß beim Bauen und waren meistens sehr betrübt, wenn irgendwann das „Bauwerk“ in Flammen stand. Unsere Vermutung, daß ältere Jungen uns die Hütte angesteckt haben, war sicherlich nicht falsch.

Das ist nur ein kleiner Ausschnitt der Ferienspiele aber auch der nützlichen Tätigkeiten in früheren Zeiten. Ich hoffe, daß der Leser diese Niederschrift noch ergänzt, durch das Hinzufügen seiner persönlichen Eindrücke und Erinnerungen aus Tagen der Kindheit und Jugend.

            Verfasst von Helmut Hartung, 34246 Vellmar – West   10/99

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